grün mit einem Tupfer rot
(oder: Hungerarten)
Text von Doris Fankhauser
Ein süsser Geruch von Rosinen und Nüssen strömte durchs Fenster. Dann führten zwei Hupen ein Streitgespräch.
Ingvald erwachte verwirrt. Seine Gedanken flatterten wie ein Schwarm Vögel, die von einem Baum aufflogen, noch ungeordnet. Im Zimmer war es fast hell. Auf der Decke lagen zwei fleckige, knotige Hände, von Adern durchzogen, er brauchte eine Weile, bis er begriff, dass es seine waren. Er streckte langsam die linke Zehe unter der Bettdecke hervor, der Nagel war gelbbräunlich und in einer Ecke verhornt. Schnell liess er den Fuss verschwinden. Fehlte noch, dass er einen Blick unter die Decke warf - konnte er dann noch einen Sammler empfangen und ein Bild verkaufen? Er lachte kurz auf.
Bist du jetzt satt? hallte eine Frage in ihm nach. Im Traum von heute Nacht stand er mit seiner Frau unter einer Linde, sie hatten beide ihre Hände an ihren Stamm gelegt und schauten nach oben ins Blättermeer. Bist du jetzt satt? wiederholte seine Frau die Frage. Er verstand gut, was sie meinte und sagte müde: ich verstehe es nicht recht, du bist mir lieb und auch diese Bäume. Und doch……er schwieg. Sie sagte: Vielleicht gibt es da noch etwas Anderes… auch Kunst ist nur ein bisschen Nahrung für den Geist. Du musst die relevanten Fragen stellen! Plötzlich war seine Frau nicht mehr da, dafür ahnte er im Rauschen des Laubes andere Wesen, er schaute hinauf in die Krone, etwas unheimlich war ihm, es knackte und huschte und am Rande seines Gesichtsfeldes blitzte etwas auf. Blitz, blitz, ein Blenden. Dann drehten ein paar Samenkörper spiralig auf ihn herab und er dachte beruhigt: Flügelfrüchte. Die Propellerchen wirbelten um ihn herum, er hatte Lust, sich mit ihnen zu drehen und drehte und drehte bis ihm schwindlig wurde. Dann erwachte er in einem erschreckten Ruck.
Also, kam er ernüchtert zu sich, diese Hände und Füsse gehören zu mir und was noch unter der Decke ist, wohl auch. Was solls? Oder besser: Bin das wirklich ich? Er schaute auf seinen Wecker und stand rasch auf. Eine Stunde später war er angekleidet und hatte eine Gemüsesuppe vorgekocht. Vor seinen beiden Kammern erwartete er seinen Käufer.
Herbert war diesmal nicht alleine. Eine junge Frau mit hungrigem Blick kam vor ihm die Treppe hinauf und Ingvald musste sich für einen Moment am Treppenknauf festhalten, sie hatte dieselben roten Locken und weisse Haut wie seine verstorbene Frau. Und wie gut kannte er diesen Blick. War das ein Zufall, dass gerade heute ihm eine Person mit solchen Augen begegnete ? Seelenaugen, dachte er und fragte sich im nächsten Augenblick wie er auf einen solchen Ausdruck kam ?
Alba, stellte sich die junge Frau vor. Sie war füllig und Ingvald war froh, gekocht zu haben.
Ingvald, sagte er, schon wieder gefasst, kommt nur herein !
Hallo ! Herbert klopfte ihm auf die Schulter. Ist dir ein Geist begegnet, du siehst heute etwas verrutscht aus.
Ingvald lachte und stellte zwei Klappstühle zwischen Bett, Staffelei und Lavabo, setzte sich selbst auf einen Hocker. Er betrachtete Herbert, der wie stets schlicht und kräftig wirkte. Er hatte nichts Gekünsteltes, das manchmal an Galeristen klebte wie Gelatine. Hätte er sich als Biobauer, Informatiker oder Geschichtslehrer ausgegeben, hätte man ihm geglaubt. Alle schauten nun auf die Bilder an den Wänden, die mit Wurzelwerk, Stämmen und Laubwerk überzogen waren. Die Baumbilder hingen dicht an dicht. Eine majestätische Eiche in hellgrünem Frühlingskleid nickte einer Birke gegenüber zu. Weissgelb, schmal und kahl stand sie im Schnee. Grüne, rote, gelbe Fackeln und Pyramiden und Hauben vor weiten Himmeln. Ingvald sprang plötzlich wieder von seinem Hocker und sagte : helft ihr mir, die Leinwände in die andere Kammer zu räumen ?
Ich bin eigentlich gekommen, um die beiden frühen Pastellzeichnungen der Kvilleken, von denen du erzählt hast, zu kaufen, lachte Herbert. Aber los, zu Dritt wird das ja nicht lange dauern.
Sie standen wieder auf, Ingvald schloss das zweite Mansardenzimmer auf, und Alba entfuhr ein begeistertes Oh !. Der Raum war mit grossformatigen Leinwänden vollgestellt, nur in der linken Ecke neben dem Eingang stand ein Tisch auf dem sich Zeichnungsmappen stapelten.
Ich weiss wirklich nicht, wo du die andern Leinwände noch hinstellen willst ? sagte Herbert. Ingvald stapelte die kleineren Formate neben der Tür unter dem Tisch aufeinander: hier ! Sie trugen gemeinsam die Leinwände herüber und drückten sie in die leergewordene Nische. Dann schnürte Ingvald die oberste Zeichenmappe auf.
Da sind deine beiden Zeichnungen. Was meinst du ?
Auf festes Aquarellpapier war eine riesige Eiche gezeichnet, deren Wurzeln über Steine wucherten.
Ist das beides Mal der gleiche Baum ? fragte Alba
Ja, das ist die Kvilleken, eine Stiel-Eiche, ihr Umfang beträgt etwa 15 Meter. Ihr Stamm wird heute von einem Eisenband zusammengehalten. Sie soll tausend Jahre alt sein und ist auf diesem kargen Boden gewachsen. Ingvald lächelte. Was für eine gewaltige Verbindung zwischen Himmel und Erde, nicht wahr ? Inzwischen habe ich soviele Bäume gemalt und mich in ihnen verloren, er betrachtete seine fleckigen Hände. Relevante Fragen, hörte er seine Frau im Traum sagen.
Ja, die Kvilleken, was für ein Baum ! Und zum Glück gab es da eine rothaarige Schauspielerin aus Zürich, die hat mich aus Vater’s Garage in Oskarshamn weggeholt, wegen dieser Zeichnungen und noch einer anderen.
Davon hast du mir nie erzählt!
Nein, vielleicht ist es nur, weil Alba mich an sie erinnert.
An die Schauspielerin?
Ja genau.
Und wie sieht die andere Zeichnung aus ?, fragte Alba
Ingvald strich die grauen Haare über die Schultern. Dafür ist es noch zu früh! Trinken und essen wir etwas, er nahm die Mappe mit und schloss den Raum wieder ab. Das andere Mansardenzimmer stand offen.
Ingvald schenkte Wein in einfache Gläser und goss eine Gemüsesuppe in Teller. Selbstgemacht.
Als meine Frau noch lebte, liefen meine Bilder gut und plötzlich wurde ich zu einer Art Fossil auf dem Kunstmarkt. Bilder von Bäumen waren nicht mehr gefragt Nur wenige Käufer wie Herbert sind mir geblieben. Doch das hat keine wirkliche Bedeutung mehr, scheint es… Ingvald fiel in Schweigen. Nein, satt war er nicht geworden, nicht in der Liebe zu seiner Frau und nicht im Kontakt mit Natur und Kunst. Dass er sich dies heute so leicht eingestehen konnte, überraschte ihn.
Meine Welt waren die starken Farben meiner Heimat, erzählte er weiter. Das rote Haus in sattem Grün in Stensjö by. Rot und grün wie die dickflüssige Gemüsesuppe meiner Tante, die sie mit einer hauchdünnen Tomatenscheibe belegte. Die Tomatenscheibe schwamm obenauf in diesem dickflüssigen grünen Brei, wabbelte darauf, wenn man den Teller bewegte. Und ich bewegte ihn gerne, liess es nach links und rechts wabbeln. Ich erinnere mich auch an meinen schwarz gekleideten Vater vor den leuchtenden Weizenfeldern. Und die braungrauen Holzzäune vor den weissen Schafen. Und dann die Ostküste.
Ist die andere Zeichnung dort entstanden ?, fragte Alba.
Plötzlich war Ingvald bereit von Dingen zu reden, die er bisher niemandem erzählt hatte.
Ja, ich war damals zweiundzwanzig Jahre alt, begann er.
Du bist aber heute redselig, lachte Herbert erstaunt und freudig.
Ingvald überging die Bemerkung und erzählte :
Damals sass ich am Meer, unweit Oskarshamn und wünschte mich weg, weg aus den Lügen und Heimlichkeiten, weg aus Vater’s Garage, die ich übernehmen sollte. Er wusste nichts von meinen Zeichnungen, den Museumsbesuchen mit meiner Tante in Stockholm, nichts von der Kvilleken. Ich sass mit geschlossenen Augen und spürte wie das Meer Hoffnungen heranrollte, mit jeder Welle Träume und eine wilde unbestimmte Sehnsucht heranrollte. Das Rollen war aussen und in mir, ein Fluten, Tosen, das mir die Brust weitete und weh tat und es war als franse mein Bewusstsein aus, die Fäden verloren sich in alle Richtungen. Mein Kopf wurde leerer und leerer während das Rollen und Schwellen anhielt. Ich spürte ein seltsames Herzklopfen als stünde ein Liebestreffen bevor und plötzlich sah ich über dem Wasser etwas springen, dann schweben. Es war ein schillerndes und fast durchscheinendes Gebilde. Gebannt schaute ich darauf und dann erkannte ich ein wunderschönes Wesen, mit roten Haaren und weisser Haut, einem Fischleib und grossen Flügeln. Wie eine Meerjungfrau mit Flügeln. Meerengel, rief ich sie an und es kam mir vor, als bewege sie leicht ihren einen leuchtenden Flügel, ein winziger Wink nur und in diesem Moment versank mein altes Leben und ich wurde in eine innere Freiheit katapultiert.
Leider hielt sie nur ein paar Tage an, doch lange genug um mich aus Schweden weg zu wagen!
Und aus dieser Vision entstand die Zeichnung?, fragte Alba hartnäckig.
Kann ich sie sehen?
Er gab sie ihr.
Auf der Zeichnung war etwas wie ein milchiger, sich ausbreitender Fleck auf grau-braunem Grund zu sehen. Vielleicht war das ein Blick auf ein Rindenstück, vergrössert oder ein Tupfen zerlaufenden Rahmes in einer Pilzsuppe oder vielleicht die Gischt auf der aufgewühlten See. Aber Alba dachte, dass es genauso gut alles Andere sein könnte.
Das erstaunt mich nicht, sagte sie ruhig.
Und mit einem Mal wusste Ingvald, wie er die relevanten Fragen zu stellen hatte. Er war bereit, tiefer zu gehen und den alten Hunger des Menschwerdens anzuschauen.