Text"





immer häufiger
sind da
einladungen zur
freude
zu unerhört hohem
chorgesang
zu schallendem
gelächter
es kommt von innen
ist plötzlich im aussen
es steckt die menschen
mehr als gähnen an
und verklingt funkelnd
heimlich und still
in ihren herzen


Caramel

        Man könnte ihn mit einer Maine Coon Katze verwechseln, wenn man darauf Wert legen würde. Denn er hat ein langes Fell und einen buschigen Schwanz wie ein Waschbär. Er ist gross, ein richtiger sanfter Riese. Auch wie die Main Coon jagt er gerne und ist äusserst gesprächig mit seinen 6 anvertrauten Menschen. Aber er hat keinen wirklichen Stammbaum, kommt nicht aus Amerika, ist ganz gewöhnlich und wurde bei einer Bauernfamilie geboren, die viele Hunde und Mischlings-Katzen hielten und von Zuchten nichts wussten. Unter seinen 4 Geschwistern war er der neugierigste und lebhafteste.  Und der Schönste dazu, mit seinen weissen Pfoten und Bauch und dem orangen Rücken und Schwanz.   Wer hätte ihm widerstehen können ? Das kleine Mädchen jedenfalls nicht, das ihn mit 4 Monaten auswählte und ihn in ein neues Zuhause brachte. Das Mädchen hatte sanfte Hände, es wusste nicht recht, wie ihn halten, doch es kraulte  ihm sofort wohlig den Kopf, ihre langen Haare fielen über ihn und dufteten nach Lavendel.  Er wollte ja weg, wieder zu seinen Schwestern und Brüdern, der Duft war ungewohnt, aber da nahm ihn eine andere Hand,  fester und geübter und schwups war er in einem vergitterten Ding eingesperrt. So etwas hatte er noch nie gesehen und es machte ihm höllisch Angst. Dann wurde er in dem Gitterding in eine noch grössere Kiste geschoben, die aufheulte, brummte, schüttelte und stank und ihn von einer Seite des Gitterdinges in die andere beförderte. Das Tuch, auf dem er anfangs lag, glitt unter ihm weg und war bald neben, bald über ihm. Er krallte sich so gut es ging am Plastikboden, dann an den Gitterstäben fest, doch er rutschte herum. Dann musste er pinkeln und lag jetzt mit nassem Fell da. Das Mädchen hielt seine Nase immer wieder an die Gitterstäbe und sagte etwas mit süsser Stimme. Aber seine Panik legte sich nicht. Er wollte einfach nur wieder in den Korb zu seinen Geschwistern, seiner Mutter und den vertrauten Gerüchen. Er miaute und miaute wie er konnte. Doch niemand brachte ihn zurück. Endlich war das Rütteln und Brummen zu Ende. Jemand nahm das Gitterding, er hörte die zweite Stimme beruhigend ihm zusprechen und wurde langsam schauckelnd irgendwo hin getragen. Wiesengeruch stieg ihm in die Nase und Kuhdung, ähnlich wie er es kannte auf wenigen Ausflügen mit der Mutter. Dann wurde eine Türe aufgestossen und plötzliches Stimmendurcheinander nahm ihn in Empfang. Er musste wieder etwas pinkeln. Nach einer Weile konnte er sechs verschiedene Stimmen heraushören, sechs Nasen näherten sich. Oh der Arme ist ganz verängstigt. Oh wie herzig, schau die goldenen Augen. Niemand nahm ihn aus dem Gitterding. Ihm war ein bisschen schlecht und er hatte Durst. Nimm ihn doch endlich raus !, sagte eine Bassstimme. Die Türe des Gitterdinges ging auf, eine Hand nahm ihn am Kragen wie seine Mutter. Dann wurde er auf einen Schoss gesetzt, die Hand hielt ihn weiterhin sanft am Kragen. Die sechs Stimmen näherten sich ihm, sechs verschiedene Hände streichelten ihn, sanfte, feste, knotige, rissige und zappelige Hände, alle wussten irgendwie schon, wo er am Liebsten gestreichelt und gekrault wurde. Er vergass einen Moment seine Panik und schnurrte ein bisschen, aber nicht zu viel, die sollten ja nicht denken, er wolle nicht wieder nach Hause. Er sehnte sich nach dem Gebalge mit seinen Brüdern und Schwestern. Ist die Haustüre verschlossen ? Dann setz ihn ab. Nein, wart noch, ich giesse etwas Milch in den Teller.  Und der Lachs, hast du das Stück kleingeschnitten ? Der wird doch nicht schon Lachs fressen ? Wetten dass !  Alle kicherten durcheinander. Los jetzt, stell den Kleinen auf den Boden ! Er wurde auf einen kalten Steinboden abgestellt. Orientierungslos begann er in dem grossen Raum um die Stuhlbeine zu flitzen. Er sprang hoch an den Wänden, den Möbeln, raste wieder um die Stuhlbeine.  Dann kam er am Teller mit der Milch vorbei, schnupperte, daneben war Wasser, das schlappte er gierig, den Kopf zwischendurch in alle Richtungen wendend, dann raste er wieder los, bis er müde wurde. Die Menschen im Raum bewegten sich nicht, hielten den Atem an, sagten kein Wort, bis sie losprusten mussten. Zu niedlich, dieses Fellknäuel ! Eine Hand warf plötzlich einen kleinen Ball, dem er einen Moment nachstürmte, doch vor lauter Ereignissen war er nun erschöpft.  Er begann herumzuschnuppern, hielt vor dem Lachsteller an, schnupperte bei der Milch und schlappte ein wenig davon. Wie entzückend, die kleine Zunge ! Weiter hinten gab es eine Kiste mit Katzenstreu, eine solche gab es auch auf seinem Bauernhof. Das kannte er. Die Menschen sassen noch immer ruhig auf ihren Stühlen, sahen ihm zu. Sie schienen nett zu sein, keine Hand hatte ihn gezwickt oder am Schwanz gezogen wie auf dem Bauernhof. Kein Hundegeruch. Momentan schien es keine Gefahren zu geben. Er wurde müder und müder und wie ihn die geübte Hand wieder nahm, diesmal sich sanft unter das Gesäss schiebend und ihn auf eine weiche Decke legte, sträubte er sich nicht. Fast sofort schlief er ein. Wir werden ihm in ein paar Stunden die Katzenkiste zeigen, vorläufig ist er out, sagte Magdalena. Alle lachten leise und gingen aus dem Raum, die Türe hinter sich schliessend.

        Sie nannten ihn Caramel, wegen seiner orange-goldenen Haare und seinem anhänglichen Wesen. Tatsächlich wurden in den Monaten, in denen er bei der neuen Familie war, neben seinem neugierigen und unabhängigen Wesen auch  hündische Eigenschaften in ihm geweckt .  Soviel Liebe kam ihm entgegen, die sein kleines Katerherz kaum fassen konnte ! Er wollte sie mit unbedingter Treue erwidern. Abends in der Stube, anfangs jedenfalls, hatte ihm diese Liebe viele Entscheidungen abverlangt : zu wem soll ich nun auf den Schoss springen ? Komm Caramel, schmeichelte Anna, das kleine Mädchen, dessen lange Haare sich wie eine Seidendecke über ihn legten, zart und duftend, dass er zu schmelzen schien. Zu mir auch !, forderte der Knabe, der behende Finger hatte und ihn so schön unter dem Kinn kraulen konnte.  Ohne Aufforderung sprang er auch gerne auf den weiten, weichen Schoss der Hausherrin, die ihn so geübt und sicher hielt und dann gab es da die Grossmutter Magdalena, die die Katzensprache konnte, obschon sie ganz gewöhnlich sprach. Er verstand jedes Wort, es lag vielleicht an der Stimme oder einfach, dass ihr Herz zu seinem Herzen direkt sprechen konnte. Er wusste nicht genau, woran es lag, doch kam es ihm so vor, als sei die Grossmutter zu gleichen Teilen Mensch wie Katze. Der Hausherr strahlte Ruhe aus und Caramel wäre deshalb gerne zu ihm hochgesprungen, doch er sagte jedesmal leise pst pst und Caramel verstand, dass er ihn zwar gütig anschaute, doch lieber nicht streicheln wollte. Der Grossvater hatte knorrige Hände, er täschelte ihn eher als dass er ihn streichelte, doch Caramel liebte sein kerniges Lachen und den Duft von Holz, der ihn umschwebte. Ja, hündisch war er geworden, sass oft treu neben einem der Familienmitglieder, sprang mutig auf, wenn die Türglocke schellte und prüfte mit seinen guten Antennen, ob die Person, die eintreten wollte,  wohlwollend oder nicht war. Wehe, wenn sie seiner Prüfung nicht standhielt, konnte er fauchen, sich zum Sprung ducken, die Ohren ausstellen und die Zähne zeigen. Auch begleitete er Anna und Michael, die Kinder, auf ihren Streifzügen durch das Dorf und die Felder, als wolle er sie beschützen.. Und er hatte rasch begriffen, dass die Hausherrin zwar seinen Mausefang durchaus zu würdigen wusste, doch lieber nicht in der Küche.  Ein toller Jäger bist du, konnte sie ihn loben, wenn der Fang vor der Haustüre präsentiert wurde. 

        Caramel entwickelte sich mit den Jahren zum gescheiten und sensiblen Kater, der die Gefühle seiner Anvertrauten sofort spürte. Sein Fell war vom vielen Gestreichelt-werden seidig wie Annas Haare geworden. Er verwendete viel Zeit darauf, sich zu putzen, bewegte sich würdig, von Liebe genährt. Mit der Hilfe Magdalenas, der Grossmutter, verstand er mehr und mehr von der Menschensprache. Magdalena sass stundenlang ruhig im Garten, die Beine von sich gestreckt, machmal vor sich hinträllernd, der Kater unter ihrem Sessel, mit ihm oder den Bäumen schwatzend. Wenn der Grossvater aus dem Schreineratelier kam, mit würzigem Holzduft, die Grossmutter auf die Nase küsste und einen Sack an ihr vorbeischleppte, lächelte sie nur und sagte:  guten Flug, mein Wilder.  Der Grossvater warf mit einem Schwung seine Deltaseglerausrüstung in den Kofferraum seines Autos und tat, als sei es normal, mit 73 Jahren noch zu fliegen. Tatsächlich liebte er das Risiko  beim Rafting und beim Fliegen, was immer dies auch bedeuten konnte. Das wusste natürlich Magdalena und erzählte es Caramel. Der liess ein langes zustimmendes Miau hören. Magdalena war seit einiger Zeit in diese Weisheit eingetaucht, die die Menschen und Dinge nehmen kann, wie sie sind. Sie hatte geliebt und gelitten und war jetzt von Zärtlichkeit und Mitgefühl für alles beseelt. Für dieses kleine Fellknäuel zum Beispiel, das wie sie, ein paar Jahre auf diesem Erdball war und so gut es ging, ein würdiges Leben versuchte. Sie hatte Mitgefühl für das Gras und die Wildblumen, die anhaltende Nässe und sengende Sonne kennenlernen konnten und fressende Mäuler und auszupfende Hände. Auch für die Erde, die so vergiftet, immer noch weiter Frucht hervorbrachte, hatte sie Mitgefühl. Und für ihre Tochter, die oft mit Manuskriptbergen nach Hause kam und gute Krimis, Romane und phantastische Geschichten irgendwie herausschnüffeln musste, in langen Lesenächten und Sommerferientagen. Auch für den Schwiegersohn, der in Endlosschlaufen Sekundarschüler und –schülerinnen die gleichen schwierigen Französisch-Grammatikregeln beibringen musste, hatte sie Mitgefühl. Und am Grössten war sie, wenn sie sonntags die Orgel spielte und die Menschenherzen fühlte, die sich nach mehr als was sie besassen sehnte. Wenn sie spürte, wie die ganze Gemeinde ein einziges grosses Horchen wurde und eine brennende Sehnsucht. Caramel schien etwas von dieser umfassenden Zärtlichkeit aufgesogen zu haben, es sprühte aus seinen Augen und seinem Fell. Anna spielte oft in der Nähe von Caramel und der Grossmutter. Sie kannte ihre Plaudereien mit dem Kater, den Blumen und Bäumen. Anna konnte einfach zu ihr hinrennen und wurde jedes Mal mit offenen Armen empfangen. Die Käfer, Spinnen, Würmer, die sie in der Hand trug, wurden gemeinsam angeschaut und für wunderbar befunden. Caramel kam dabei auch unter dem Sessel hervor und schaute auf die Funde Annas. Wenn die Dinger in der Hand krabbelten und sich wanden, musste er seinen Instinkt, mit ihnen zu spielen, unterdrücken, was ihm je länger desto besser gelang. Niemand verbot ihm hinter Mäusen und Vögeln her zu jagen, so schaute er mit der Zeit nur gelangweilt auf das winzige Gekrabbel und liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Wenn der böse Nachbarsbub jedoch auftauchte, warnte er Anna fauchend, die von ihm am Pferdeschwanz gezogen wurde und auch sonst gekniffen und herumgeschubst. Er selbst war einmal von der Wasserpistole vom Nachbarsbub getroffen worden und hielt nun Abstand. Die Welt war nicht überall wie sie im Haus und Garten der grossen Familie war, das wurde Caramel schnell klar. Es gab die Räder der brummenden und stinkenden Kisten, die auf der Strasse fuhren. Es gab Kühe, die nicht auf ihren Tritt achteten. Es gab andere Katzen, die länger im Dorf waren und ihr Revier unerbittlich verteidigten.  Es gab helles Zucken am gelbstichigen Himmel, manchmal, gefolgt von fürchterlichem Donnern, das ihm die Fellhaare aufstellte. Und dann gab es einen Besuch ! Er wurde durch ein harmloses Telephon angekündigt. Eine Arbeitskollegin der Hausherrin meldete sich an. Sie kam an einem neblig-feuchten Tag, Caramel lag ahnungslos und warm zusammengerollt auf der Decke in der Küche. Es läutete an der Türe. Entgegen seiner Gewohnheit, war Caramel zu faul, um nachzuschauen. Die Hausherrin ging öffnen. Hereingewirbelt kam eine Frau mit einer  schrillen Stimme und Stakkato-Schrittchen. Caramel reckte den Hals, schnupperte etwas, das ihm einen anderen Kater ankündigte. Elektrisiert sprang er auf, seine Nerven zitterten. Die Frau trug eine ähnliche Kiste in die Küche, wie er ehedem in die Familie getragen wurde.  Die Hausherrin lugte durch die Stäbe in die Kiste. Warst du mit ihm auf einer Ausstellung und wurde er prämiert ?, fragte sie die Kollegin. Die Stimme der Kollegin wurde noch schriller : Ja, Cäsar hat den dritten Preis seiner Rasse und Farbe gewonnen ! Cäsar, dröhnte es in den Ohren Caramels. Das klang ganz anders als sein Name. Cäsar, da hörte man das Edle, Hochstehende, Dominierende heraus. Caramel zerfloss davor zu einer flachen Fellwurst. Ist das ein wirklich reinrassiger Perserkater ? hörte er seine Herrin fragen und für ihn klang es bewundernd. Zum ersten Mal kam er ins Zweifeln. Lass ihn bitte nicht aus der Kiste, sagte sie weiter und auch das klang für Caramel, als könnte ein Cäsar nicht den Anblick eines  gewöhnlichen Mischlings, wie er war,  ertragen. Wo er jetzt wusste, dass dieser Cäsar in der Kiste bleiben musste, schlich er sich geduckt heran. Rasse, Prämierung, das waren Worte, die Gewicht hatten. Caramel konnte es spüren, es drückte ihn noch weiter nach unten, platt rutschte er auf dem Bauch an das edle Tier heran. Dann äugte er vorsichtig durch die Gitterstäbe. Der Kater hatte lange flauschige Haare wie er, aber weiss und eine eingedrückte Nase, er lag da, seiner Erhabenheit bewusst und bedachte Caramel nur mit einem kurzen bösen Blick, dann schaute er wieder weg. Seine Ohren blieben dabei ganz und gar unbewegt. Caramel fühlte einen Moment sein Vertrauen schwinden und schaute hilflos zu seiner Herrin hoch. Die Kollegin hatte ihn nun auch wahrgenommen und mit einem kleinen nervösen Lachen sagte sie : und das ist eure Katze ? Die Hausherrin nahm Caramel auf den Arm, streichelte ihn : allerdings ! Der beste Kater der Welt und schön dazu. Caramel schmiegte sich in ihren Arm und die Arbeitskollegin merkte plötzlich, dass sie noch einen dringenden Termin hatte. Die Haustüre fiel entschieden ins Schloss und Caramel fühlte in seinem weit gewordenen Katerherz, stark und deutlich, dass in der Welt nur etwas wirklich wichtig war.
 


 

grün mit einem Tupfer rot
        (oder: Hungerarten)
Text von Doris Fankhauser
 

        Ein süsser Geruch von Rosinen und Nüssen strömte durchs Fenster. Dann führten zwei Hupen ein Streitgespräch.
        Ingvald erwachte verwirrt. Seine Gedanken flatterten wie ein Schwarm Vögel, die von einem Baum aufflogen, noch ungeordnet. Im Zimmer war es fast hell. Auf der Decke lagen zwei fleckige, knotige Hände, von Adern durchzogen, er brauchte eine Weile, bis er begriff, dass es seine waren. Er streckte langsam die linke Zehe unter der Bettdecke hervor, der Nagel war gelbbräunlich und in einer Ecke verhornt. Schnell liess er den Fuss verschwinden. Fehlte noch, dass er einen Blick unter die Decke warf - konnte er dann noch einen Sammler empfangen und ein Bild verkaufen? Er lachte kurz auf.
        Bist du jetzt satt? hallte eine Frage in ihm nach. Im Traum von heute Nacht stand er mit seiner Frau unter einer Linde, sie hatten beide ihre Hände an ihren Stamm gelegt und schauten nach oben ins Blättermeer. Bist du jetzt satt? wiederholte seine Frau die Frage. Er verstand gut, was sie meinte und sagte müde: ich verstehe es nicht recht, du bist mir lieb und auch diese Bäume. Und doch……er schwieg. Sie sagte:  Vielleicht gibt es da noch etwas Anderes… auch Kunst ist nur ein bisschen Nahrung für den Geist. Du musst die relevanten Fragen stellen! Plötzlich war seine Frau nicht mehr da, dafür ahnte er im Rauschen des Laubes andere Wesen, er schaute hinauf in die Krone, etwas unheimlich war ihm, es knackte und huschte und am Rande seines Gesichtsfeldes blitzte etwas auf. Blitz, blitz, ein Blenden. Dann drehten ein paar Samenkörper spiralig auf ihn herab und er dachte beruhigt: Flügelfrüchte. Die Propellerchen wirbelten um ihn herum, er hatte Lust, sich mit ihnen zu drehen und drehte und drehte bis ihm schwindlig wurde. Dann erwachte er in einem erschreckten Ruck.
        Also, kam er ernüchtert zu sich, diese Hände und Füsse gehören zu mir und was noch unter der Decke ist, wohl auch. Was solls? Oder besser: Bin das wirklich ich? Er schaute auf seinen Wecker und stand rasch auf. Eine Stunde später war er angekleidet und hatte eine Gemüsesuppe vorgekocht. Vor seinen beiden Kammern erwartete er seinen Käufer.
        Herbert war diesmal nicht alleine. Eine junge Frau mit hungrigem Blick kam vor ihm die Treppe hinauf und Ingvald musste sich  für einen Moment am Treppenknauf festhalten, sie hatte dieselben roten Locken und weisse Haut wie seine verstorbene Frau. Und wie gut kannte er diesen Blick. War das ein Zufall, dass gerade heute ihm eine Person mit solchen Augen begegnete ? Seelenaugen, dachte er und fragte sich im nächsten Augenblick wie er auf einen solchen Ausdruck kam ?
        Alba, stellte sich die junge Frau vor. Sie war füllig und Ingvald war froh, gekocht zu haben.
        Ingvald, sagte er, schon wieder gefasst, kommt nur herein !
        Hallo ! Herbert klopfte ihm auf die Schulter.  Ist dir ein Geist begegnet, du siehst heute etwas verrutscht aus.
        Ingvald lachte und stellte zwei Klappstühle zwischen Bett, Staffelei und Lavabo, setzte sich selbst auf einen Hocker. Er betrachtete Herbert, der wie stets schlicht und kräftig wirkte. Er hatte nichts Gekünsteltes, das manchmal an Galeristen klebte wie Gelatine. Hätte er sich als Biobauer, Informatiker oder Geschichtslehrer ausgegeben, hätte man ihm geglaubt. Alle schauten nun auf die Bilder an den Wänden, die mit Wurzelwerk, Stämmen und Laubwerk überzogen waren. Die Baumbilder hingen dicht an dicht. Eine majestätische Eiche in hellgrünem Frühlingskleid nickte einer Birke gegenüber zu. Weissgelb, schmal und kahl stand sie im Schnee.  Grüne, rote, gelbe Fackeln und Pyramiden und Hauben vor weiten Himmeln. Ingvald sprang plötzlich wieder von seinem Hocker und sagte : helft ihr mir, die Leinwände in die andere Kammer zu räumen ?
        Ich bin eigentlich gekommen, um die beiden frühen Pastellzeichnungen der Kvilleken, von denen du erzählt hast, zu kaufen, lachte Herbert. Aber los, zu Dritt wird das ja nicht lange dauern.
        Sie standen wieder auf, Ingvald schloss das zweite Mansardenzimmer auf, und Alba entfuhr ein begeistertes Oh !. Der Raum war mit grossformatigen Leinwänden vollgestellt, nur in der linken Ecke neben dem Eingang stand ein Tisch auf dem sich Zeichnungsmappen stapelten.
        Ich weiss wirklich nicht, wo du die andern Leinwände noch hinstellen willst ? sagte Herbert. Ingvald stapelte die kleineren Formate neben der Tür unter dem Tisch aufeinander: hier ! Sie trugen gemeinsam die Leinwände herüber und drückten sie in die leergewordene Nische. Dann schnürte Ingvald die oberste Zeichenmappe auf.
        Da sind deine beiden Zeichnungen. Was meinst du ?
        Auf festes Aquarellpapier war eine riesige Eiche gezeichnet, deren Wurzeln über Steine wucherten.
        Ist das beides Mal der gleiche Baum ? fragte Alba
        Ja, das ist die Kvilleken, eine Stiel-Eiche, ihr Umfang beträgt etwa 15 Meter. Ihr Stamm wird heute von einem Eisenband zusammengehalten. Sie soll tausend Jahre alt sein und ist auf diesem kargen Boden gewachsen. Ingvald lächelte. Was für eine gewaltige Verbindung zwischen Himmel und Erde, nicht wahr ?  Inzwischen habe ich soviele Bäume gemalt und mich in ihnen verloren, er betrachtete seine fleckigen Hände. Relevante Fragen, hörte er seine Frau im Traum sagen.
        Ja, die Kvilleken, was für ein Baum !  Und zum Glück gab es da eine rothaarige Schauspielerin aus Zürich, die hat mich aus Vater’s Garage in Oskarshamn  weggeholt, wegen dieser Zeichnungen und noch einer anderen.
        Davon  hast du mir nie erzählt!
        Nein, vielleicht ist es nur, weil Alba mich an sie erinnert.

        An die Schauspielerin?
        Ja genau.
        Und wie sieht die andere Zeichnung aus ?, fragte Alba
        Ingvald strich die grauen Haare über die Schultern. Dafür ist es noch zu früh! Trinken und essen wir etwas, er nahm die Mappe mit und schloss den Raum wieder ab. Das andere Mansardenzimmer stand offen.
        Ingvald schenkte Wein in einfache Gläser und goss eine Gemüsesuppe in Teller. Selbstgemacht.
        Als meine Frau noch lebte, liefen meine Bilder gut und plötzlich wurde ich zu einer Art Fossil auf dem Kunstmarkt. Bilder von Bäumen waren nicht mehr gefragt Nur wenige Käufer wie Herbert sind mir geblieben. Doch das hat keine wirkliche Bedeutung mehr, scheint es… Ingvald fiel in Schweigen. Nein, satt war er nicht geworden, nicht in der Liebe zu seiner Frau und nicht im Kontakt mit Natur und  Kunst. Dass er sich dies heute so leicht eingestehen konnte, überraschte ihn.
        Meine Welt waren die starken Farben meiner Heimat, erzählte er weiter. Das rote Haus in sattem Grün in Stensjö by. Rot und grün wie die dickflüssige Gemüsesuppe meiner Tante, die sie mit einer hauchdünnen Tomatenscheibe belegte. Die Tomatenscheibe schwamm obenauf in diesem dickflüssigen grünen Brei, wabbelte darauf, wenn man den Teller bewegte. Und ich bewegte ihn gerne, liess es nach links und rechts wabbeln. Ich erinnere mich auch an meinen schwarz gekleideten Vater vor den leuchtenden Weizenfeldern. Und die braungrauen Holzzäune vor den weissen Schafen. Und dann die Ostküste.
        Ist die andere Zeichnung dort entstanden ?, fragte Alba.
        Plötzlich war Ingvald bereit von Dingen zu reden, die er bisher niemandem erzählt hatte.
        Ja, ich war damals zweiundzwanzig Jahre alt, begann er.
        Du bist aber heute redselig, lachte Herbert erstaunt und freudig.
        Ingvald überging die Bemerkung und erzählte :
        Damals sass ich am Meer, unweit Oskarshamn und wünschte mich weg, weg aus den Lügen und Heimlichkeiten, weg aus Vater’s Garage, die ich übernehmen sollte. Er wusste nichts von meinen Zeichnungen, den Museumsbesuchen mit meiner Tante in Stockholm, nichts von der Kvilleken. Ich sass mit geschlossenen Augen und spürte wie das Meer Hoffnungen heranrollte, mit jeder Welle Träume und eine wilde unbestimmte Sehnsucht heranrollte. Das Rollen war aussen und in mir, ein Fluten, Tosen, das mir die Brust weitete und weh tat und es war als franse mein Bewusstsein aus, die Fäden verloren sich in alle Richtungen. Mein Kopf wurde leerer und leerer während das Rollen und Schwellen anhielt. Ich spürte ein seltsames Herzklopfen als stünde ein Liebestreffen bevor und plötzlich sah ich über dem Wasser etwas springen, dann schweben. Es war ein schillerndes und fast durchscheinendes Gebilde. Gebannt schaute ich darauf und dann erkannte ich ein wunderschönes Wesen, mit roten Haaren und weisser Haut, einem Fischleib und grossen Flügeln.  Wie eine Meerjungfrau mit Flügeln. Meerengel, rief ich sie an und es kam mir vor, als bewege sie leicht ihren einen leuchtenden Flügel, ein winziger Wink nur und in diesem Moment versank mein altes Leben und  ich wurde in eine innere Freiheit katapultiert.
        Leider hielt sie nur ein paar Tage an, doch lange genug um mich aus Schweden weg zu wagen!
        Und aus dieser Vision entstand die Zeichnung?, fragte Alba hartnäckig.
        Kann ich sie sehen?
        Er gab sie ihr.
        Auf der Zeichnung war etwas wie ein milchiger, sich ausbreitender Fleck auf grau-braunem Grund zu sehen. Vielleicht war das ein Blick auf ein Rindenstück, vergrössert oder ein Tupfen zerlaufenden Rahmes in einer Pilzsuppe oder vielleicht die Gischt auf der aufgewühlten See. Aber Alba dachte, dass es genauso gut alles Andere sein könnte.
        Das erstaunt mich nicht, sagte sie ruhig.
       Und mit einem Mal wusste Ingvald, wie er die relevanten Fragen zu stellen hatte. Er war bereit, tiefer zu gehen und den alten Hunger des Menschwerdens anzuschauen.